Etwa ein halbes Jahr vor dem Gehirnschlag reiste ich mit einer Organisation für internationalen Austausch durch Deutschland und entdeckte die deutsche Gesellschaft und Kultur. Meine Entdeckungen erschütterten mich gewaltig, was meine Konzepte in ein totales Chaos brachte. Ich hatte das Gefühl, dass ich überhaupt nichts auf die Werte dieser Welt aufbauen konnte. Alles erschien mir wie eine gewaltige Kulisse im Theater, die hinter sich eine unsichtbare Welt verbarg, die Antworten für die Fragen hatte, die in mir hervorgerufen wurden, als ich die Geschehnisse auf der Bühne beobachtete. Weder die Kulisse noch das Theaterstück, das auf der Bühne aufgeführt wurde, schien von Bedeutung zu sein. In diesem grossen Theater schien alles eine einzige grosse Frage zu umrunden: wie lange es dem jeweiligen Schauspieler gelang, die Fassade seines Lebens aufrechtzuerhalten und wie es ihm gelungen ist. Bei jeder Gelegenheit versuchte ich einen Blick hinter die Kulisse zu werfen, um eine Ahnung von dem nachhaltigen Boden zu bekommen, auf dem ich mein Leben aufbauen konnte.

Nachdem ich von der Reise nach Hause zurückgekehrt bin, fühlte ich mich verloren. Äußerlich war alles wie vorher, aber in meinem Kopf herrschte totales Chaos. Ich hatte meinem Lehrer versprochen, daß ich ein Referat über meine Reise halten würde, aber als die Schule wieder anfing, hatte ich ein komplettes Durcheinander in meinem Kopf. Meine Lebensmotivation ließ in jeder Hinsicht nach. Einige Wochen nach der Reise fand ich ein kleines Buch mit einem Text einer orientalischen Hymne. Ich wiederholte die Wörter immer wieder in der Tiefe meines Herzens und sie waren wie Honig für meine Seele.

Mächtige Göttliche Kraft

Ach, Du mächtige göttliche Kraft, die Du das Weltall füllst und ewig waltest durch den Wandel der Zeiten. Du, die Du über alles Vergängliche bist, in Deiner Größe und Stärke unfassbar, allumfassende und allbewahrende Kraft: Nur Dich will ich ehren.
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Obwohl der Intellekt des Menschen die Tiefen der Weltmeere messen, jedes Sandkorn der Erde zählen oder Sonnenstrahlen auseinander spalten könnte, er würde nicht Deine Größe begreifen und Dein Ermessen verstehen. Menschenverstand kann nicht in die Höhen durchdringen, wo Du herrscht.
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Aus Dir selbst hast Du die Welt erschaffen, aus Ewigkeit zauberst Du die Zeit. Alles Bestehende, Licht und Leben, Harmonie, Herrlichkeit und Elan haben ihren Ursprung in Dir. Jeder Wohlklang und Grazie, jedes beachtliche, haltbare Ding wird durch Dein Wort generiert.
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Das Universum mit all seinen Wundern und Lebewesen ist durch Deine Kraft und Liebe gewahrt. Wie Funken aus dem Feuer hoch springen, so werden alle glänzende Welten aus Dir katapultiert. Du führst sie und sie schreiben Deinen Namen und Ehre auf die Tafel der Unendlichkeit.
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Du entzündest unzählige, glühende Fackel, um die bodenlosen Tiefen zu beleuchten, und Deine Herrlichkeit vertreibt die bösen Mächte der Finsternis. Du füllst das Weltall mit glänzenden Pfeilern, und Deine goldenen Ströme fließen zwischen unzähligen Sonnenordnungen, wo Sterne winzig kleine Tropfen sind.
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Wenn ich an Deine Macht und Größe denke und Dein Werk sehe, verstehe ich, dass ich nur ein Atom inmitten unzähliger, mir übergeordneter Dinge bin. Ich gelte nichts in Deinem Maßstab, ich verschwinde wie ein Wind, wenn Du Dich näherst, und ich bin nichts, wenn ich mich angesichts Deiner sehe.
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Und doch bin ich ein Teil von Dir. Ich bin ein Abkömmling Deines Sinnens und Wollens. Ich lebe von Deinem Geist und kann nicht ohne Dich bestehen. Wenn ich Dich verehre, verstehe ich, dass Du meine Quelle und mein Ziel bist. Ich sehe Deine Anwesenheit in allem, und weil Du bist, bin ich auch.
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Meinen Verstand bekam ich von Dir und meine Wege hast Du markiert. Mein Herz schlägt, weil Du es willst, und Atome sind in Deinen Augen wie gewaltige Himmelskörper. Mein Platz ist zwischen Himmel und Erde, so nahe dem Himmel wie auch der Erde, und ich gehöre zu beiden.
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Ich bin ein Verbindungsglied in der Kette des Lebens: ein Glied aus Materie und Geist zugleich. Von der Materie steige ich hinauf und auf ein höheres Niveau werde ich mich bemühen. Ich bin Sklave und trotzdem König, Insekt und trotzdem Gott gleich. Aber ich bin das nicht von mir selbst, sondern von Dir und in Dich.
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Du bist mein Schöpfer und meine Existenz ist durch Deine Weisheit gegründet. Deine Liebe ist mein Leben, und Dein Licht meine Beleuchtung. Ich bekomme mein Leben von Dir und deshalb bin ich unsterblich. Ich überquere den Strom des Todes mit den Gewänder der Ewigkeit über die Schultern geworfen, weil es Dein Wille ist.
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Ach, dieser ewige Gedanke, diese uneingeschränkte Möglichkeit. Sich selbst anpassen an das Unfassbare. Dass man lieben, hoffen und verehren kann. Dass man Niveaus der Perfektion erreichen kann – das ist so wunderbar, so grossartig, dass es meine Seele aus Freude weinen lässt.

Mit den Jahren wurde die Stimme dieser Wörter immer lauter und lauter, deutlicher und deutlicher. Sie waren mein einziger Trost, als mein Leben zurückgesetzt war und ich im Krankenhaus lag. Ich war nicht mehr in der Lage, mich selbst umzudrehen und konnte nur durch Augenblinzeln kommunizieren. Trotz meiner Hilflosigkeit – oder gerade deswegen – hatte ich das Gefühl, dass ich näher bei mir und meinem Schöpfer war – als je zuvor. Diese Wörter verfolgten mich, als ich gehen und Treppen steigen lernte. Sie hallten in meinen Ohren wider, als ich in meinem Zimmer lange Besprechungen vor einem Spiegel mit mir selber hielt. Sie schauten im Hintergrund, als ich mir eine Wohnung an der Meeresküste visualisierte. Sie summten zufrieden, als ich ein Stipendium nach dem anderen zur Finanzierung meines Studiums bekam. Sie trösteten mich, wenn mich Menschen anstarrten, als ob ich ein komischer Dschungelvogel wäre und als meine Freunde mir die kalte Schulter zeigten. Ich fühlte mich niemals einsam.
Als ich die samtweiche Nachtluft von Shanghai einatmete, mit all ihren eigenartigen Gerüchen und als ich schlafende Menschen auf der Straße sah, fühlte ich mich wie zuhause, obwohl ich Tausende von Kilometern von meiner Heimat entfernt war.